Ein paar aktuelle Worte

Ich möchte heute einen kleinen Beitrag zu einem Thema schreiben, das mich schon seit einiger Zeit sehr umtreibt, aber zu dem ich bislang nichts gesagt habe: Das Um- bzw. Neuschreiben von alten Büchern, die unter Rassismus/Sexismus-Verdacht stehen.
Es gibt ein Zitat von Leopold von Ranke, dem in meinen Augen bedeutendsten Historiker aller Zeiten und für mich ein großes Vorbild während meines Studiums.Es lautet:“Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott.“
Das heißt, dass jede Epoche für sich genommen ein Daseinsrecht besitzt. Dass man sich nicht mit dem Wissen und den Standards neuerer Zeiten anmaßen sollte, über Menschen zu urteilen, die dieses Wissen und Denken nicht geteilt haben. Nicht etwa, weil sie schlechte Menschen waren, sondern weil es andere Zeiten waren. Andere Zeiten, die genau wie die unsere eine Daseinsberechtigung und ein Anrecht darauf haben, nicht für etwas verdammt und verurteilt zu werden, das sie nicht wissen oder vertreten konnten. Menschen heute sind nicht besser oder schlechter als vor hundert oder fünfhundert Jahren. Wir sind genau gleich. Nur die Umstände unserer Leben unterscheiden sich.
Wer heute fordert, jahrzehntealte Bücher neu zu schreiben, um sie veränderten Standards anzupassen, mag seine Gründe dafür haben. Diese Gründe können gut sein und nobel – aber darum geht es nicht. Nur sollte man sich fragen, ob man wirklich frei von Vorurteilen ist, wenn man Autoren, die seit 40, 50 oder 100 Jahren tot sind, Rassisten und Sexisten schimpft, nur weil sie ein Vokabular bemüht haben, das heute nicht mehr gängig ist. Es ist leicht, Menschen zu verdammen, die sich nicht mehr wehren können. Biographische Grundlagenarbeit leistet keiner derer, die laut schreien – was nicht heißt, dass manche Zeitgenossen nicht durchaus das waren, was man ihnen vorwirft. Trotzdem sollte man vorsichtig sein, was man aus welchen Gründen fordert, denn Geschichte ist Geschichte. Was geschrieben wurde, wurde geschrieben – und es macht die eigentlichen Probleme unserer Welt nicht besser, wenn man einen Krieg führt, der nicht geführt werden müsste. Man verändert die Welt, indem man die Zukunft besser macht und jeden Tag versucht, ein guter Mensch zu sein – und nicht, indem man vermeintliche Schatten der Vergangenheit zu vertreiben sucht.

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