Anomalie Kapitel 1

Heute Mittag ein ganz besonderes Goodie für euch: Den Anfang von ‚Anomalie‘! Viel Spaß!

Kapitel 1: Funkenschlag

Mit etwas Glück würde ich die nächsten fünf Minuten überleben. Winzige Staubpartikel schwebten beinahe schwerelos durch die unbewegte Luft, umfasst und behütet von der Dunkelheit. Doch wenn sie den Schutz der Finsternis verließen und in das gleißende Sonnenlicht eindrangen, vergingen sie innerhalb eines Wimpernschlags in einer winzigen Flamme. Verheerte und verbrannte Zeugen einer untergegangenen Welt. Genau wie wir und alles um uns herum.Respektvoll und beinahe ehrfürchtig sah ich auf die mächtige Röhre, die sich nur wenige Meter vor mir wie eine riesige Nadel durch das Gebäude bohrte und Staub und Sonnenlicht gleichermaßen trotzte. Selbst aus der Entfernung und durch den Schutz meines Anzugs hindurch konnte ich die unvorstellbare Hitze spüren, die in ihrem Inneren herrschte; jene entfesselte Naturgewalt, die unsere Vorfahren hier in die Herrschaft der Maschinen gebannt hatten.Ich spürte, wie ein schwaches Lächeln über meine Lippen huschte; ein Lächeln, von dem nur ich wusste, dass es existierte. Glück war nicht unbedingt etwas, das ich zu meinen Charaktereigenschaften zählte, doch das spielte keine Rolle. Nicht, wenn die Verlockung der Beute so groß war wie jetzt. Ein Glücksspiel, ein Wurf mit dem Würfel. Das war mir völlig klar. Doch ich konnte nicht widerstehen.„Du weißt, dass das Selbstmord ist?“, rauschte es durch das Funkgerät meines Helms. Eine besorgte Stimme, fern nur und leise, obwohl sie direkt neben mir stand. Doch statisches Rauschen und Interferenzen erstickten jeden noch so lauten Ton im Wirbelsturm des technisierten Vergessens.Ich nickte stumm, bevor ich langsam eine Hand hob und das Funkgerät mit einem kurzen Griff an meinen Helm deaktivierte. Ich brauchte keine Ablenkung. Nicht hier und nicht jetzt. Nicht, wenn das Risiko so groß war. Nicht, wenn selbst ein einziger falscher Atemzug meinen Tod bedeuten konnte.Ein letztes Mal atmete ich noch tief durch, bevor ich einen Schritt nach vorne machte, die Röhre entriegelte und mich dem tosenden Plasma stellte, das in ihrem Inneren tobte. Die Hitze war intensiv. Viel zu intensiv. Wie ein Raubtier fraß sie sich durch die schützenden Schichten meines Anzugs und brannte auf meiner Haut wie flüssiges Feuer. Ein entfesselter Stern. Keine Ahnung, wie lange ich sie ertragen konnte. Doch es musste sein. Noch ein Schritt. Ich spürte den Boden unter meinen Füßen nicht mehr. Das Plasma umgab mich wie ein Ozean aus Gluthitze. Längst konnte ich nichts mehr sehen. Nichts bis auf das weißglühende Schutzvisier meines Helms, das eigentlich die Macht der Energie von mir fernhalten sollte.Ich biss mir auf die Lippe, ignorierte den Schmerz meiner verbrennenden Haut und hob meine Hände. Ich musste tasten, wenn ich überhaupt eine Chance haben wollte, das zu finden, weswegen ich hier war. Doch die Wucht, mit der das Plasma an mir vorbeischoss, riss meine Arme weg wie die Strömung einer Sturzflut. Verdammt. Es kostete mich alle Kraft, ihm zu widerstehen, doch ich wusste, dass ich mich von so etwas nicht aufhalten lassen durfte, wenn ich nicht sterben wollte. Ich war schon zu weit gekommen, um aufzugeben. Ich…Da! Es war kaum mehr als ein verschwindend schwacher Widerstand, auf den meine Finger trafen, doch er genügte vollkommen, damit ich wusste, dass ich es gefunden hatte. Sofort griff ich zu, zog das kleine Etwas an mich heran und machte einen Schritt zurück. Noch immer konnte ich keinen Boden unter meinen Füßen spüren, doch ich wusste, dass er da war und mich tragen würde, solange ich nur die Beherrschung behielt. Wenn ich die Nerven verlor, war es aus, das wusste ich.Noch ein Schritt. Plötzlich platzte ein Kabel in meinem Helm und schlug mir zischend ins Gesicht, doch ich rührte mich nicht von der Stelle und ertrug die Schläge stoisch. Ruhig. Ich musste ruhig bleiben. Längst blinkten alle Systeme meines Anzugs rot und die heulenden Alarmtöne erstarben sogar schon einer nach dem anderen, als selbst die letzten funktionstüchtigen Aggregate ausfielen. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis die Servos versagten und ich bewegungsunfähig wurde. Falls mich denn das Plasma nicht davor erledigte. Ich holte tief Luft. Ein letzter Atemzug, bevor mein Luftvorrat aufgebraucht war. Wenn ich jetzt nochmal atmete, würde die Hitze meine Lunge verbrennen. Doch ich wusste, dass ich es jeden Augenblick geschafft haben musste. Noch ein Schritt. Langsam. Bewusst. Konzentriert. Kein Fehler auf die letzten Zentimeter. Kein Zögern, keine Angst, aber auch kein Übermut. Es konnte nicht mehr weit sein. Es…Plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Sie packte mich und zog mich mit einer solchen Wucht zurück, dass ich sofort das Gleichgewicht verlor und beinahe sogar das Gerät fallengelassen hätte, wegen dem ich überhaupt erst die Plasmaröhre betreten hatte. Auf der Stelle stürzte ich zu Boden und schlug ungebremst auf, doch noch bevor ich mich auch nur rühren konnte, wurde das Schutzvisier meines Helms mit einem Tritt geöffnet und ein weiterer Tritt gegen meinen Helm reaktivierte mein Funkgerät – oder das, was davon noch übrig war.„Bist du vollkommen bescheuert?“ Kitsune trat über mich, während sich hinter ihr die Tür zur Plasmaröhre schloss und das Glutfeuer der Elemente einmal mehr einsperrte. Selbst durch den winzigen Sichtschlitz ihres Helms konnte ich sehen, wie wütend sie mich anstarrte. „Warum zum Teufel hörst du nicht auf mich?“„Du hast mir nicht gesagt, dass ich es nicht tun soll“, erwiderte ich ruhig, atmete tief durch und setzte mich so gut wie möglich auf. Von meinem Anzug war nicht mehr viel übrig, wenn man mal von dem rauchenden Haufen Schrott absah, in dem ich mehr schlecht als recht feststeckte. Die äußere Hülle war komplett verbrannt und sogar das Trägerskelett glühte vor Hitze. Wenigstens schien die Notkühlung noch zu funktionieren. Andernfalls wäre ich vermutlich kaum noch am Leben. „Du hast nur gesagt, dass es Selbstmord ist.“„Verdammt, Raven, spar dir den Scheiß!“ Sie kniete sich neben mich und nahm mir den Katalysator aus den Händen, für den ich gerade mein Leben riskiert hatte. Einen Moment lang starrte sie ihn schweigend an, bevor sie spöttisch schnaubte und ihn achtlos auf meinen Schoß fallen ließ. „Hat sich ja gelohnt. Defekt.“

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