Frohe Weihnachten!

Einen wunderschönen guten Morgen und frohe Weihnachten euch allen! Ich wünsche euch einen schönen und hoffentlich ruhigen Tag. 🙂

Als kleines Weihnachtsgeschenk gibt es von mir eine Kurzgeschichte zu ‚Tumor‘. Wer von euch Doppelhertz & Wortklecks folgt, weiß, dass sie da vor ein paar Tagen schon im Adventskalender war. Aber da ich faul bin, präsentiere ich sie euch heute! 😀

Weihnachten am Institut

„Es ist Weihnachten.“Ich hob den Kopf und sah Sergej an. Er saß mir gegenüber am Lagerfeuer und blickte gedankenverloren in die Flammen. Die Flasche in seinen Händen war schon seit einer Stunde leer, aber ich wusste nicht, ob er es mitbekommen hatte.„Ehrlich?“Er nickte langsam, ohne den Blick vom Feuer abzuwenden. „Mhm.“„Fühlt sich nicht so an.“„Nein.“Ich seufzte und blickte auf die Flasche in meinen Händen. Auch fast leer. Schon die dritte heute. Verdammte Schande. Naja, immerhin hatte ich angemessen viel getrunken. Es war schließlich ein hoher Feiertag. Ein leises, bitteres Lachen bahnte sich den Weg aus meiner Kehle. Unwillkürlich, aber ich ließ es zu.Sergej sah auf und zog die Augenbrauen hoch. „Was?“„Nichts.“ Ich schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck und reichte ihm die Flasche, damit er auch noch einen nehmen konnte. „Es fühlt sich einfach nicht so an.“„Ach?“ Er leerte den Wodka und warf beide nunmehr leeren Flaschen in die Dunkelheit, die uns zu allen Seiten hin so unerbittlich umgab. „Bist du da ganz von allein draufgekommen? Woran hast du es erkannt? Der schwarze Schnee? Das Gewehrfeuer in der Ferne? Oder der süße Duft von Giftgas, der vom Institut rüberweht?“„Halt die Fresse“, schnaubte ich spöttisch und griff an meine Weste. Der Wodka mochte vielleicht alle sein, aber für besondere Anlässe hatte ich immer einen Flachmann mit gutem Schnaps dabei. Meistens trank ich nur davon, wenn die Scheiße am Dampfen war oder ich meine Nerven beruhigen musste, aber hey, heute war schließlich Weihnachten. Und wer wusste schon, ob wir noch eins erlebten? Ich nahm einen großzügigen Schluck und warf Sergej den Flachmann zu, bevor ich etwas Holz aufs Feuer warf und den Scheiten dabei zusah, wie sie langsam in Flammen aufgingen.„Irgendwie fühlt es sich falsch an“, murmelte ich. „Weihnachten. Am Institut. Geht nicht zusammen.“„Wem sagst du das? Was würde ich dafür geben, nochmal ein Kind sein zu können. Zuhause in Belgorod am Kamin mit meiner Babuschka. Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, was wir hier erleben.“„Sie würde sich im Grab umdrehen, wenn sie wüsste, was aus dir geworden ist.“ Ich stand auf, beugte mich nach vorne und nahm ihm den Flachmann aus der Hand. „Hätte meine Mutter gewusst, was ich mal tun würde, um nicht draufzugehen, hätte sie mich noch in der Wiege erdrosselt.“„Sprich nicht so über deine Mutter, Maske.“„Du hast Recht.“ Ich nahm noch einen Schluck. „Tut mir leid.“Er lachte leise und blickte zur Seite in die Dunkelheit. Auch wenn wir es nicht sehen konnten, so lag dort vorne das Institut, verborgen hinter undurchdringlicher Finsternis und Schwärze. Dieser gewaltige Moloch aus Stahl und Beton, dieser Menschenfresser, diese Hölle. Aus den Lüftungsschächten, durch die wir normalerweise in diesen Fleischwolf einstiegen, drang das leise und gedämpfte Geräusch von Gewehrfeuer. Wenn man um sein Leben kämpfte, war es wohl egal, ob Weihnachten war oder nicht.„Er ist schon zu lange drin.“ Ich wischte mir meine Nase am Ärmel ab und legte eine Hand auf mein Gewehr, das neben mir im pechschwarzen Schnee lag. Gewohnheit. Der kalte Stahl des Laufs gab mir ein Gefühl von Sicherheit, wie man es hier am Ende der Welt nur selten verspürte. „Er müsste längst wieder da sein.“„Mach dir keine Sorgen“, erwiderte Sergej tonlos. „Vitali geht nicht drauf. Dafür ist er viel zu stur.“„Wir hätten mitkommen sollen.“Er schnaubte. „Wir hätten gar nicht erst hierbleiben sollen, Maske. Es war eine dumme Idee. Ich habe keine Lust, an Heiligabend zu erfrieren.“„Wir haben ein Lagerfeuer.“„Ich habe auch Munition in meiner Waffe. Trotzdem würde ich im Institut draufgehen, wenn ich nur lang genug drin bleibe. Komm jetzt, gehen wir zurück zum Lager. Vitali kommt klar, glaub mir.“„Und wenn nicht?“„Dann ist es so.“„Leck mich, Sergej“, zischte ich. „Es geht um Vitali, verdammt!“„Was willst du tun?“, erwiderte er. „Reingehen? Hast du überhaupt noch Filter dabei?“„Ein paar.“„Wahnsinn. Ein paar gleich?“„Sergej…“Er hob beschwichtigend die Hände. „Beruhige dich, Maske. Warten wir noch zehn Minuten, okay? Wenn er bis dahin nicht wieder da ist, gehen wir rein.“Ich nickte und zog meine Kapuze tiefer über mein Gesicht. Der Wind war eiskalt und selbst das Lagerfeuer schaffte es nicht, mich zu wärmen. Es war gefährlich, hier zu sitzen und zu warten, selbst wenn man von den Viechern absah, die aus dem Institut kommen konnten. Wind und Wetter waren grausame Gebieter; gnadenlos und unerbittlich. Blieben wir zu lange, würden sie uns strafen.Wir waren zusammen rein. Heute früh. Erholt und gut ausgerüstet. Im Institut hatten wir uns dann getrennt. Sergej und ich hatten schnell erkannt, dass heute kein guter Tag war. Zu viele Leute, zu aggressive Viecher, zu unberechenbare Anomalien. Selbst das Giftgas war mir… energischer als sonst vorgekommen. Dreckszeug. Wir hätten darauf bestehen sollen, dass Vitali mit uns rausging, doch er hatte noch kurz weiter unten vorbeischauen wollen. Was für eine Scheißidee.Ich hatte nicht mitbekommen, wann ich eingenickt war, doch ein leises Geräusch in der Dunkelheit ließ mich aufschrecken. Sofort sprang ich auf, griff nach meinem Gewehr und legte an. Mein Herz raste und wollte schier aus meiner Brust springen, doch ich zwang mich mit aller Kraft zur Ruhe. Das Adrenalin hatte noch ein paar Jahre Zeit, um mir einen Herzinfarkt zu verpassen. Gerade musste es sich hinten anstellen.Ich warf einen kurzen Blick zur Seite. Das Lagerfeuer war nur noch ein jämmerliches Glimmen in der Finsternis; Sergej lag unmittelbar daneben, eng in seinen Mantel gehüllt. Sein Gesicht war selbst im fahlen Licht kreidebleich, doch er atmete noch. Wieder ein Geräusch. Ich starrte in die Finsternis, legte meinen Finger auf den Abzug.„Komm raus, du Wichser“, zischte ich. „Ich hab mehr als genug Patronen.“„Maske?“Ich ließ mein Gewehr sinken. „Vitali?“„Dachte mir doch, dass ich Sergej schnarchen höre.“ Ein dumpfes Pochen, gefolgt von einem Ächzen und einem sehr unschönen Fluch auf Russisch zeugten davon, dass er ihn gerade in die Seite getreten hatte. „Aufwachen, Sergej! Nicht erfrieren. Es ist Heiligabend.“„Halt die Schnauze.“„Ho-ho-ho“, lachte Vitali, schaltete die Taschenlampe an seinem Gewehr ein und trat zu mir. „Ich habe sogar Geschenke. Hier.“Er drückte mir ein kleines, warmes Ding in die Hand. Ich kniff die Augen zusammen und betrachtete es. Was auch immer es war, auf den ersten Blick sah es aus wie ein kleiner, rötlich schimmernder Stern. Selbst durch das dicke Leder meiner Handschuhe spürte ich, wie warm es war. Und auch wenn ich es kaum begreifen konnte, so erfüllte mich dieses kleine Ding doch mit einer… Wärme, wie ich sie schon lange Zeit nicht mehr gespürt hatte. Das war keine Wärme, wie sie Feuer erzeugen konnte, sondern eine viel tiefere, grundlegendere Wärme. Wie die Wärme einer Mutter, die ihr Kind umarmte.„Was ist das?“, flüsterte ich.„Ich weiß es nicht.“ Vitali ließ sich neben mich in den Schnee fallen. „Habe sie in U-Fünf gefunden. Wahrscheinlich bringen uns die Dinger alle um, aber ich fand sie trotzdem schön. Dachte, sie machen euch eine Freude. Es stirbt sich leichter, wenn man sich gut fühlt. Frohe Weihnachten.“

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